Vier Dinge, die Sie noch nicht über Blaulicht-Fahrten wussten

1. Es geht nicht immer um jede Sekunde. Aber...
Jeder Einsatz ist einer auf Leben und Tod? Das gibt es nur im Fernsehen. Vielleicht - so würde ich nach meiner Erfahrung schätzen - geht es bei jeder dritten Notfall-Fahrt wirklich um Minuten und in seltenen Fällen gar um Sekunden. Dringend geboten sind viele Einsätze trotzdem. Und: Wie lebensbedrohlich ein Notfall wirklich ist, weiß man vorher eben nie genau. Gehen Sie also davon aus: Wenn ein Rettungswagen oder ein Feuerwehr-Fahrzeug mit Blaulicht fährt, tun die das nicht ohne Grund. Einige der akutesten Notfälle ergeben sich übrigens manchmal aus völlig harmlos angekündigten Einsätzen, etwa normalen Krankentransporten - zu denen man natürlich nicht mit Blaulicht fährt.

2. Die Ampeln sind der Schlüssel
Zwar erlauben einem die erwähnten Sonderrechte, Tempolimits zu überschreiten und (solange man niemanden gefährdet) auch andere Verkehrsregeln zu brechen. Doch ob man nun mit 50, 70 oder 90 km/h durch die Stadt fährt, macht letztlich keinen großen Unterschied. Das haben auch schon Untersuchungen ergeben. Es sind vor allem die roten Ampeln, die man (vorsichtig) überfahren kann und damit einen großen Zeitgewinn erzielt. Außerorts sieht das natürlich manchmal etwas anders aus, aber mehr als 140 km/h schaffen die meisten Rettungswagen ohnehin nicht - und kein Retter mit Verstand würde auf einer kurvigen Landstraße durch echtes Rasen einen Crash riskieren.

3. Für Patienten sind Blaulicht-Fahrten die Hölle
Auf vielen Rettungswachen müssen sich die Azubis neben Fahrsicherheits-Trainings auch zu Beginn ihrer Ausbildung einmal selbst auf die Trage legen und werden von ihren Kollegen durch die Gegend gefahren. Glauben Sie mir: Selbst bei langsamer Fahrt schaukelt es auf diesen Tragen ganz schön unangenehm. Rettungswagen sind zwar mit medizinischer Hightech vollgestopft, aber vom Fahrwerk her unterscheiden sie sich eigentlich nicht von dem DHL-Transporter, der Ihnen immer die Pakete bringt.
Die Patienten liegen auf der Trage zudem entgegengesetzt zur Fahrtrichtung, manchen wird schlecht. Dazu sind sie krank oder verletzt - wenn jetzt noch ein ständig plärrendes Martinshorn dazu kommt, verstärkt das nur das Pulsrasen und ist nicht gerade hilfreich. Das ist auch der Grund, warum man auf dem Weg zum Krankenhaus auch in dringenden Fällen möglichst auf den Einsatz der Sirene verzichtet und streckenweise nur mit Blaulicht fährt.

Das können SIE tun
Rechtlich ist das aber ein Problem, denn nur mit Blaulicht und Sirene darf man auch erwarten, dass einem die Autofahrer Platz machen. Bitte fahren Sie trotzdem rechts ran und räumen Sie - wenn es für Sie selbst keine Gefahr bedeutet - das Feld. Die Retter werden es Ihnen danken. Denn die müssen ja auch noch während der Fahrt den Patienten versorgen und dazu manchmal im Fahrzeug herumlaufen. Muss der Fahrer plötzlich scharf bremsen, ist akrobatisches Geschick gefragt, um nicht mit dem Kopf an der Fahrzeugwand oder dem EKG-Monitor zu landen (ja, das kann wirklich weh tun).

4. Es fährt meistens nicht "der Arzt"
Viele Notfalleinsätze absolvieren die Rettungsdienste ohne Notarzt. Der wird nur bei bestimmten Notfällen (etwa Herzinfarkt, Schlaganfall, Kreislaufstillstand, Verkehrsunfall mit mehreren Schwerverletzten) von vornherein mit zum Einsatzort geschickt. Das gemeinhin "Notarztwagen" genannte Fahrzeug ist auch nicht der Rettungswagen, der den Patienten transportiert, sondern das "Notarzt-Einsatzfahrzeug" (NEF), also ein PKW. Er dient nur dazu, den Arzt zur Einsatzstelle zu bringen.
Dieses NEF wird in der Regel auch nicht vom Arzt selbst gefahren, wobei das -  wie im eingangs beschriebenen Fall - gerade in ländlichen Regionen durchaus noch üblich ist.
Ein Rettungswagen wird mit Rettungssanitätern und Rettungsassistenten besetzt - wobei die höher qualifizierten Assistenten solange medizinisch verantwortlich sind, bis ein Notarzt dazu kommt. Und auch diverse Maßnahmen bis hin zur Gabe bestimmter Medikamente, künstlicher Beatmung oder Defibrillation (Elektroschocks beim Herzkammerflimmern) selbst durchführen. Zurzeit werden Rettungsassistenten außerdem bis zum Jahr 2020 nach und nach zu "Notfallsanitätern" fortgebildet, die noch mehr Kompetenzen bekommen und damit die Notärzte weiter entlasten sollen. Die Zeit der "Krankenwagenfahrer" ist also lange vorbei.